Kunde
25 januari 2025
Den Octagon SF8008 gibt es in mehreren Varianten:- Octagon SF8008 Twin mit 2 DVB-S2X Tunern- Octagon SF8008 Combo mit 1 DVB-S2X und 1 DVB-C/T2 Tunern- Octagon SF8008 Supreme wie Combo + M.2-Steckplatz für SSDBis auf die Tuner und dem M.2-Steckplatz sind die Modelle bezüglich der restlichen Hardware identisch.Die Rechenleistung entspricht in etwa der eines Raspberry 4B.Während bei den neueren Smart-TVs meistens Googles Android-tv Betriebssystem zum Zuge kommt,werkelt bei dem SF8008 ein Linux wie man es von Raspberry ähnlichen Geräten ohne graphische Oberfläche kennt. Auf dieses Linux wurde eine eigene graphische Oberfläche gesetzt, die auf dem angeschlossenen Bildschirm erscheint und mit der Fern-Bedienung gesteuert wird. Diese Oberfläche ist aber nicht vergleichbar mit denen von Windows, Apple oder Linux.Ich habe mit Linux und Unix in meinem beruflichen Umfeld zu tun und setze es seit drei Jahrzehnten auf meinen PCs und Laptops Linux ein, seit knapp 10 Jahren auch auf mehreren Raspberry ähnlichen Geräte inklusive mehrerer Linux-basierter Router. Daher war mein Interesse groß, eine neue Geräte-Kategorien kennenzulernen, auf denen Linux läuft. Es gibt von anderen Herstellern Geräte, die dem SF8008 sehr ähnlich sind. Ich habe mich für das SF8008 entschieden, weil es weit verbreitet ist und man viel Informationen über dieses Gerät im Internet findet. Gekauft wurde dann die Combo-Variante.Der SF8008 besitzt vier sogenannte Slots, in denen man unabhängig voneinander ein Betriebssytem installieren kann. Das hat den Vorteil, dass man mehrere Betriebssyteme installieren und mit ihnen testen und tüfteln kann.Beim SF8008 sind zwei Slots bereits vorbelegt, die anderen beiden sind noch frei. Im Slot 1 residiert OpenATV, im Slot2 Define OS.Das Define OS ist sehr einfach gehalten mit wenig Einstell-Möglichkeiten. Ich habe es mir einmal angeschaut und dann nie mehr wieder. Das OpenATV bietet dagegen eine überwältigende Anzahl von Parametern und Optionen.Und damit sind wir bei einem sehr wichtigen Punkt: es gibt keinerlei Informationen zu OpenATV von seiten Octagons. Ein Benutzer-Handbuch existiert nicht, auch nicht als PDF-Datei. Octagon soll früher ein eigenes Support-Forum unterhalten haben, das gibt es aber mittlerweile nicht mehr. Daneben gibt es nochdas OpenATV-Forum (mehr dazu später). Teil des Forums ist ein OpenATV-Wiki, das aber nicht vergleichbar ist mit den Wikis anderer Linux-Distributionen. Die Informationen sind spärlich und größtenteils sehr veraltet (einige mehr als 10 Jahre).Man ist also darauf angewiesen, sich die einzelnen Informationen aus allen Teilen des Internets selbst zusammen zu suchen. Das kostet viel Zeit und man sollte das bei seiner Kauf-Entscheidung berücksichtigen.Für die Nutzung des SF8008 benötigt man zum einen Wissen über den Empfangsteil (SAT, Kabel und Antenne), zum anderen über Linux. Etwa die Hälfte der Einstell-Parameter sind Linux-bezogen. Wer also mit Begriffen wie DHCP, telnet, ssh, mounten, ext4 nichts anzufangen weiß, der ist aufgeschmissen. Fortgeschrittene Linux-Kenntnisse benötigt man z.B. wenn es um die Netzwerk-Verbindung des SF8008 mit dem Router und anderen Geräten im Heimnetz geht und wenn man externe Speicher einbinden möchte. Hilfetexte in den diversen Einstellungsmenus gibt es entweder gar nicht oder sie sind nichtssagend. Wer sich allerdings gut mit Linux auskennt, der hat schon die halbe Miete.Auch das sollte bei der Kauf-Entscheidung berücksichtigt werden.Wen die vorgenannten Hürden nicht hindern, der braucht jetzt nur noch die richtigen Informationsquellen.Vorweg aber noch folgendes.OpenATV ist ein OpenSource-Projekt. Die Arbeit wird von Freiwilligen erbracht, die dafür keine Bezahlung erhalten. Die Qualität der einzelnen OpenSource-Projekte ist sehr unterschiedlich. Es gibt sowohl professionell geführte Teams mit exzellenter Software als auch Teams von Hobby-Programmierern, deren Software mehr schlecht als recht zusammen gewurschtelt worden ist. OpenATV gehört meiner Auffassung nach zur letzt genannten Gruppe.Es gibt z.B. kein durchgängiges und einheitliches Bedien-Konzept wie man es von den graphischen Oberflächen der bekannten Betriebssysteme her kennt. Das ganze OpenATV-Paket wirkt auf mich wie ein Sammelsurium von Einzel-Programmen, die nicht aufeinander abgestimmt sind. So kann es z.B. passieren, dass nach einem Update Teile oder sogar der ganze Receiver nicht mehr funktionieren.Auf meinem SF8008 war OpenATV Version 7.3 vorinstalliert, in der Grund-Konfiguration arbeitet es einigermaßen stabil. Im Dezember 2023 wurde die Version 7.4 vorgestellt. Seit dem gibt es (Stand: Juli 2024) mehr als 800 Postings zu Fehlern in dieser Version. Offensichtlich wurde die Software nicht ausreichend getestet und/oder schlecht programmiert.Im OpenATV-Paket arbeitet ein fast 10 Jahre alter Linux-Kernel 4.4. Aktueller LTS-Kernel ist 6.6.Nicht nur, dass dem OpenATV-Kernel viele Funktionen des aktuellen Linux-Kernels fehlen, er erhält mehrere hundert, wenn nicht sogar tausende von offenen Sicherheitslöcher. Auch das sollte bei der Kauf-Entscheidung berücksichtigt werden.Wen all diese Kritikpunkte nicht stören, der bekommt mit dem SF8008 nicht nur ein herrliches Linux-Spielzeug, sondern auch Features, die man selbst in sündhaft teuren Smart-TVs nicht findet. Vor allen Dingen der ssh/telnet-Zugang erlaubt es, mit eigenen Skripten den Funktionsumfang im gewünschten Maße zu erweitern. Wie bei einer Linux-Distribution üblich gibt es auch bei OpenATV ein Repository, aus dem man weitere Programm-Pakete nachladen und sich so den Funktionsumfang seiner SF8008 nach eigenen Wünschen frei gestalten kann. Voraussetzung dafür ist natürlich ein Zugang zum Internet.Neben OpenATV gibt es noch weitere Linux-Distributionen für den SF8008, z.B. OpenHDF, OpenPli, OpenVix um nur einige zu nennen. Im Kern sind sie sich jedoch sehr ähnlich und unterscheiden sich imwesentlichen im äußeren Erscheinungsbild. Die zwei freien Slots des SF8008 erlauben es, eines oder mehrere dieser Distribution zu installieren und zu testen, ohne dass die Distributionen in den anderen Slots beeinträchtigt werden.Im Internet gibt es das OpenATV-Forum. Auch dieses Portal wird von Freiwilligen betrieben.Bei den dort Aktiven handelt es sich gemäß einer im Forum veröffentlichten Altersumfrage überwiegend um Rentner ab 60 bis 90 Jahre. Linux-Kenntnisse sind entweder gar nicht oder nur oberflächlich vorhanden.Ich wollte beim SF8008 mehrere Dinge einrichten, die auf meinen anderen Linux-Rechnern anstandslos funktionieren, aber auf dem SF8008 partout nicht laufen wollten. Im OpenATV-Forum konnte mir aber keiner helfen, die Probleme zu lösen. Bei einigen Aktiven hatte ich sogar den Eindruck, dass sie mein Problem überhaupt nicht verstanden haben. Hilfe und Lösungen habe ich dann in den klassischen Linux-Foren gefunden.Einer der Aktiven im OpenATV-Forum erzählte mir, dass er in den 1980er Jahren Linus Torvalds persönlichgeholfen hätte, OpenBSD nach Linux zu portieren. Tatsache ist dagegen, dass Linux erst 1991 und ausgehend von Andrew Tannebaums Minix das Licht der Welt erblickte. Außerdem wurde OpenBSD erst 1995 von NetBSD abgespalten, existierte also noch gar nicht als Linus Torvalds Linux vorstellte. Das nur mal so am Rande, was einen im OpenATV-Forum erwartet.Schließlich gibt es noch einen Punkt, der mir sehr wichtig war: die Wahrung der Privatsphäre. Von Googles Android ist ja bekannt, dass es jede Menge Daten über den Nutzer und sein Verhalten festhält und an Google übermittelt. Besonders dann, wenn man sein Gerät auch noch mit einem Google-Konto verknüpft. Dies gilt auch für Googles Android-tv, das mittlerweile auf fast jedem neuen Smart-TV läuft. Google nutzt diese Daten dann, um den Nutzer mit personalisierte Werbung zu bombadieren und/oder verkauft diese Daten gegen gutes Geld an Dritte, die dann ihrerseits den Nutzer bewerben.Im c't-Magazin gab es dazu mehrere Artikel, in denen u.a. auch der Daten-Verkehr zwischen den verschiedenen Smart-TVs und dem Internet untersucht wurde. Das Magazin kommt schließlich zu dem Schluss, dass die heutigen Smart-TVs mehr oder weniger Spione im eigenen Wohnzimmer sind.Wer all das nicht will, der sollte ein Linux-Betriebssytem auf seinem SF8008 installieren. Ich habe den Daten-Verkehr zwischen dem SF8008 und dem Internet mitgeschnitten und konnte keinerlei "Telefonate nach Hause" feststellen. Trotz aller Kritik an OpenATV habe ich mich entschieden, den Octagon-Receiver zu behalten.Das waren meine ganz persönlichen Eindrücke vom SF8008. Jeder Leser möge nun selbst entscheiden, was für ihn relevant ist und was nicht. Die Entscheidung pro oder contra SF8008 muß jeder individuell für sich fällen.